Zwei Geschichten aus meiner Familie führen in eine Istanbuler Zeitungsredaktion und zu einem deutsch-türkischen Kulturverein in Deutschland. Für mich selbst begann das Ehrenamt schon in der Grundschule, bei einem Nachhilfeprojekt in Oberkirch in Südbaden.

Mein Großonkel Alaeddin Sonsoy

Mein Großonkel Alaeddin Sonsoy war Zeitungsmann. Eine frühe Spur führt zu einem Brief vom 15. Januar 1920, in dem er als Inhaber einer Zeitung mit dem Titel Yeni Köroğlu genannt wird. In erhaltenen Ausgaben der Istanbuler Yeni Köroğlu aus den 1940er-Jahren erscheint er als Leiter der Zeitung.

Yeni Köroğlu, Nr. 1463, 29. April 1942.

Ein Ausschnitt aus der Zeitung ist mir besonders aufgefallen. Unter der Überschrift „Sie blieben ungeschlagen“ berichtet Yeni Köroğlu von einer Volleyballmannschaft einer Lehrerinnenschule, die ohne Niederlage die Meisterschaft der Mädchenschulen gewann. Mich beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit die Zeitung damals junge Frauen in kurzärmeligen Trikots und knielangen Sporthosen zeigte und ihren sportlichen Erfolg würdigte. Wenn ich heute sehe, wie unter Erdoğan religiös begründete und patriarchale Vorstellungen wieder stärker bestimmen sollen, wie Frauen sich kleiden und in der Öffentlichkeit auftreten, empfinde ich das als Rückschritt.

Gerade deshalb ist dieser Zeitungsausschnitt für mich mehr als eine Sportmeldung. Er zeigt mir ein Stück moderner türkischer Alltagsgeschichte und lässt mich verstehen, was ich am Blick der Zeitung meines Großonkels fortschrittlich finde. Mein Vater hat diese Zeitung als Jugendlicher von innen kennengelernt. In der Redaktion und Druckerei ging er bei meinem Großonkel in die Lehre. Diese Jahre haben ihn und sein späteres Wirken geprägt.

„Hiç yenilmediler“ („Sie blieben ungeschlagen“). Ausschnitt aus Yeni Köroğlu.

In meiner Familie wird erzählt, dass mein Großonkel Atatürk auf einer Reise begleitete. Mit dieser Geschichte verbinden wir ein Fotoalbum, das mein Großonkel meinem Vater vermacht hat. Es beinhaltet viele unveröffentlichte und persönliche Aufnahmen von Atatürk, die ich nun in unserem Familienarchiv hüten darf.

Vier Aufnahmen aus dem Familienarchiv Soyoğlu.

Mein Vater Tarık Soyoğlu

Als Jugendlicher ging mein Vater Tarık Soyoğlu (1929–2022) bei meinem Großonkel Alaeddin Sonsoy in die Lehre. Er lernte die Arbeit in der Redaktion und in der Druckerei kennen. Diese Zeit hat ihn sehr geprägt.

1975 gründete er den Türkischen Kulturverein Oberkirch e. V. Ihm ging es darum, Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und Generation zusammenzubringen. Im Verein habe ich schon früh selbst mit angepackt. Dort habe ich erlebt, wie viel ehrenamtliche Arbeit in einem Ort steckt, an dem Menschen einander begegnen können.

Zum 40-jährigen Jubiläum des Vereins 2015 war mein Vater als Ehrengast eingeladen. In seiner Festrede bezeichnete Willi Stächele, der frühere Oberkircher Bürgermeister, den Verein als den ersten seiner Art in Deutschland. Er sprach über die Freundschaft mit meinem Vater und würdigte dessen jahrzehntelanges Engagement:

„Die Oberkircher Normalität der partnerschaftlichen Freundschaft sollte von Oberkirch ausstrahlen nach ganz Deutschland – besonders in Zeiten pauschaler Verdächtigungen der Muslime.“

Für sein Engagement erhielt mein Vater unter anderem die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg. Was mir von ihm besonders geblieben ist: Ein Mensch verdient Wertschätzung für seinen Charakter, seine Fähigkeiten und sein Handeln, unabhängig davon, woher er kommt.

Nachhilfe in Oberkirch in Südbaden

Ende der 1970er-Jahre rief Frau Dr. Bitzer gemeinsam mit meinem Vater in Oberkirch ein Nachhilfeprojekt ins Leben. Sie war Lehrerin im Ruhestand und setzte sich für das Miteinander in der Stadt ein. Ich ging noch in die Grundschule und gab zusammen mit anderen Kindern und Jugendlichen selbst Nachhilfe.

Damals war mir kaum bewusst, was dieses Projekt bedeutete. Wenn ich mir heute anschaue, wie Integrationsprojekte Kinder und Familien zusammenbringen, sehe ich, wie früh Frau Dr. Bitzer und mein Vater damit in Oberkirch begonnen haben. Für mich gehört das zu einer größeren Geschichte. Meine Mutter und mein Vater haben gemeinsam vieles angestoßen, was das Zusammenleben vor Ort geprägt hat.