Verrücktes Blut

Ein Workshop für türkisch-stämmige Jugendliche:
„Die Legende vom jungen Krieger“ ∞ „Delikanlının destanı“

Vorbemerkung
Die heutigen Kinder und Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund sind – in erstaunlichem Gegensatz zu der Generation davor – weit davon entfernt, der deutschen Sprache mächtig zu sein. Und: selbst in türkischer Sprache haben sie erhebliche Mängel.
Ihre kulturelle Bildung ist ebenfalls mangelhaft: weder sind sie mit türkischen Bräuchen und Umgangsformen bewandert und auch die deutsche Kultur ist ihnen fern.
So sind sie im Grunde weder Deutsche noch Türken, klammern sich jedoch an national-populistische Ansichten – die verheerender Weise zum Teil nicht einmal aus dem eigenen Elternhaus stammen.
Nachdem auch mehr und mehr die klassische türkische Familie nicht mehr existiert (die Eltern oft getrennt sind, oder die Mutter arbeitet und er Vater arbeitslos zu Hause ist), fehlen Vorbilder und Orientierungspunkte, Erziehung im konstruktiven Sinn fehlt oft grundlegend.
Und so sitzen die Kinder und Jugendlichen nicht einmal zwischen zwei Stühlen, sondern hängen vollkommen in der Luft – alleine gelassen mit „coolen Gangsta-Rappern“ und anderen „role models“, die herzlich wenig mit einer Realität zu tun haben, wie sie gelebt werden sollte und könnte.

Männerbild
Die jungen Männer kennen in den meisten Fällen nur ein vermeintlich patriarchalisch organisiertes und klar stereotypisiertes Weltbild – und finden sich nun in einer für sie chaotischen Welt wieder: klassische Rollen in Beruf, Beziehung und Familie, eine klare Definition und damit Identifikation als Mann scheinen nicht mehr zu existieren.

Diese Situation und die Fragen und Unsicherheiten, die damit aufgeworfen werden, ist bereits für erwachsene, bewusste, aufgeklärte, westliche Männer nicht einfach und klar.
Doch für junge Männer, besonders mit Migrationshintergrund, ist die Frage nach dem „Mann-Sein“ kaum bewusst zu beantworten, zu verstehen oder überhaupt konstruktiv und kreativ ins eigene Leben zu integrieren.
Denn es fehlt eine wesentliche Grundlage: sie sind vollkommen entwurzelt und deshalb im luftleeren Raum, was ihre Heimat, ihr Kultur, ihr Bewusstsein und damit ihre Identität an sich betrifft.

Wurzeln
„Delikanlı“ heisst wörtlich übersetzt „der mit dem verrückten Blut“ und bezeichnet im Türkischen junge Männer, die kein Junge mehr sind, aber auch noch kein Mann.
Früher war „Delikanlı“ durchaus auch ein Begriff für die jungen Krieger, die sich noch zu bewähren hatten, um als Mann bzw. Krieger in den Kreis der Männer und Krieger aufgenommen zu werden.
„Destan“ ist ein altes – üblicherweise mythologisches – Märchen bzw. ein Epos.

Die jungen Männer identifizieren sich gerne mit Bildern aus dem nationalistisch-traditionellen Umfeld und halten sich an diesen fest, um einen Orientierungspunkt zu haben. Leider ohne die Geschichte wirklich zu kennen und begriffen zu haben.
So holt sie „Delikanlının destanı“ bzw. die „Legende vom jungen Krieger“ dort ab: mit Elementen aus der mythologischen Herkunftsgeschichte, mit einer für sie begreifbaren Version der Legende um den jungen Krieger „Oguz Khan“, der später zum Mann und Stammesoberhaupt wird und als einer der Urväter der Türken gilt.
Im ersten Schritt lernen die Jugendlichen auf diese Weise ihre eigenen Wurzeln zu kennen und zu verstehen. Dies ist eine wesentliche Grundlage für die Arbeit mit ihnen, denn es verschafft einen neuen Blick auf die eigene Herkunft und Identität.
So kann (Selbst)Bewusstsein, Reflexion und eine Persönlichkeitsbildung entstehen.
Ein wesentlicher Aspekt, damit ein interkultureller Dialog stattfinden kann.

Mann sein, Krieger werden
Wenn das Fundament für Persönlichkeitsentwicklung gelegt ist, folgt der nächste Schritt: die Auseinandersetzung mit dem Männerbild.
Mit der Legende vom jungen Krieger „Oguz Khan“ und seiner Entwicklung vom „Jungen zum Teenager zum Mann und zum Krieger“ werden den Jugendlichen – in Verbindung mit einem Kennenlernen Ihrer „Ur-Sprünge“ – wesentliche Aspekte vom „Mann-Sein“ vermittelt: es werden Fragen zum Männerbild aufgeworfen, Bilder, Vorstellungen und Ansichten aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, erörtert und neu gedeutet und begreiflich gemacht.
Dazu gehört die Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten.
Beispielsweise mit dem Thema „Integrität“: welchen Unterschied macht es, wenn das eigene Handeln auf Integrität beruht, z.B. im Umgang mit anderen Jugendlichen oder Männern im Kontext „Wie gehe ich mit Konflikten um, wie vermeide ich Gewalt (ohne „Gesichtsverlust“, wenn es um einen „Fight zwischen Männern“ geht, aber vor allem als absolutes „no go“, wenn es um Gewalt gegen Frauen oder Kinder geht)?“.
Oder der eng mit „Integrität“ in Verbindung stehende Aspekt „Respekt“: z.B. im Umgang mit Frauen – ob mit Freundinnen, Partnerinnen, Ehefrauen oder eigenen Schwestern – im Kontext „Welche Freiheiten nehme ich mir, die ich Frauen nicht gewähre und warum meine ich, meine Frau/meine Schwester zu Hause einsperren zu müssen, ihr Vorschriften zu machen und mit Verboten ihr Leben einzuschränken?“ oder „Woher entspringen denn gewisse Vorstellungen über Ehre und Beziehung – und was haben diese mit dem Leben und/oder der Liebe bzw. einer liebevollen und lebensbejahenden Beziehung zu tun?“.
Aspekte, die den Krieger im klassischen Sinn – der heutzutage auch als „Innerer Krieger“ bezeichnet werden könnte – ausgezeichnet haben: im Dienste einer höheren Sache zu stehen, mit Herz und Seele zu handeln, jenseits von allem „Ego“ oder irgendwelchen Machtansprüchen. Denn darin unterscheidet sich der „Krieger“ von einem „Soldaten“ als „Söldner in fremder Sache“.
In Verbindung mit seinem (Inneren) Krieger zu sein, macht es viel leichter, bewusst zu handeln, entschieden zu sein, sich abzugrenzen, persönliche Anliegen und die Schönheit des Lebens kraftvoll und mit aller Liebe zu vertreten.
Der konkrete Ansatz
Für die Jugendlichen spielen Ehre und Familie eine große Rolle. Deshalb fühlen sie sich auch in „Gangs“ so aufgehoben und behütet: man hat eine Art neues zu Hause, eine feste Anlaufstelle, in der einer für den anderen da ist, jeder sich auf jeden verlassen kann und dazu gibt der strikte Ehrenkodex (vermeintliche) Sicherheit und damit eine Art von Geborgenheit – Aspekte, die in den meisten „realen“ Familie leider fehlen.

So ist ihnen der Krieger bekannt und eine Sehnsucht gleichermaßen – doch es bleibt eine Worthülse, ohne Sinn, ohne Verstand, ohne Herz, ohne Seele. Die Identifikation als Mann oder Krieger beruht auf leeren Versprechungen von sogenannten „Gangsta-Rappern“, Zuhältern, Bauernfängern und Idealen, die nicht verstanden und begriffen werden, weil sie allzu oft von den eigenen Vätern nicht gelebt werden, der Bezug zu den Großvätern und Ahnen fehlt – entwurzelt, kulturlos, sprachlos.

„Die Legende vom jungen Krieger“ bzw. „Delikanlının destanı“ soll diese Jugendlichen dabei unterstützen, zu lernen, eine Brücke zu bauen, diese für sich und andere begehbar zu machen, mutig und selbstbewusst diese Brücke dann auch zu begehen, die Welten auf beiden Seiten der Brücke zu entdecken, zu erleben und ihren Platz zu finden.

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